Impressionen von der Solidaritätsveranstaltung in Oberwartha

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Nachdem es am 3. Oktober beim Oktoberfest in Dresden-Oberwartha brutale Angriffe auf Jugendliche gegeben hatte, fand dort am 1. November eine Solidaritätsveranstaltung unter dem Motto “Friedensplatz ohne Gewalt” statt.

Etliche unserer Frauen waren bei verschiedenen Teilen der insgesamt mehrstündigen Veranstaltung (mit einer Andacht zu Frieden und gegen Gewalt, gemeinsamem Buffet und danach offener Bühne mit Redebeiträgen, Gedichten und Musik) dabei. Nachfolgend lassen uns einige an ihren sehr persönlichen Eindrücken und Gedanken teilhaben.


Das Wichtigste kam zum Schluss der kurzen Ansprache im Rahmen der Andacht: “Nicht wegsehen!” Ganz genau, dachte ich, darum geht es. Wie konnte es überhaupt passieren, dass “Beinahe-noch-Kinder” von gewalttätigen, erwachsenen Männern derart lange malträtiert werden konnten, bis endlich andere Erwachsene eingeschritten sind?  Pfarrerin Margarete Aichinger und Pfarrer Christian Bernhardt ist die Erschütterung über das Geschehene anzumerken: Vertrauen ging verloren, Respekt sowieso, Furcht sei eingekehrt. Das müsse bearbeitet werden – juristisch,  aber eben auch menschlich im Zusammenleben aller Dorfbewohner. “Wieder ins Gespräch kommen, auch wenn man politisch gegensätzliche Auffassungen hat. Im anderen den Menschen sehen, der ebenso mit Würde ausgezeichnet ist wie man selbst!” Das gelte auch für den schlimmsten Menschen, aufgrund seiner Ebenbildlichkeit Gottes. Gewalt sei niemals eine Lösung. Das alles klingt versöhnlich, niemand wird bezichtigt oder schlecht gemacht.

Es ist die alte Geschichte: Christen verurteilen die Taten, aber nicht die Menschen, die sei begangen haben. Weil auch ihnen das Recht auf Veränderung, Einsicht und Reue zugestanden werden muss. Verurteilung im juristischen Sinne ist nötig, aber Aufgabe der Gerichte – und das letzte Wort spricht ohnehin Gott. Ja, das hoffe ich auch. Aber ich kann auch gut verstehen, wenn diesen jungen Menschen und ihren Familien mit diesen Worten zunächst nicht geholfen ist, zumal diejenigen, die es betrifft, nicht anwesend sind.  Was es jetzt braucht, sind viele gute Erfahrungen der Solidarität und des Zuhilfekommens – niemals wieder wegsehen! 

Sigrid


Nachdem der Novembernebel sich gelichtet hatte, lag Oberwartha am vergangenen Sonntag in herbstlichem Sonnenlicht. Ein wirklich schöner Ort, wie gemacht für einen Ausflug aus dem Elbtal herauf. Ein normaler Ort, wie es viele gibt rund um Dresden.

Am 3. Oktober dieses Jahres war hier nichts normal. Jugendliche, die nach Ansicht einiger Besucher des traditionellen Oktoberfestes nicht ins Bild passten, wurden von erwachsenen Männern durch die Straßen verfolgt, geschlagen, getreten und verletzt. Seitdem ist in Oberwartha nichts mehr wie zuvor – und der Ort ist gespaltener denn je. Während die einen verharmlosen, abwiegeln, schweigen und sich zurückziehen, sind andere aktiv geworden und wollen nicht hinnehmen, dass sich der Ungeist in ihrem Ort womöglich als Normalität einrichtet.

Um ein Zeichen zu setzen – für Zusammenhalt und gegen Gewalt – hatte eine Gruppe von Einwohnerinnen und Einwohnern für den 1. November zu einem Fest unter dem Motto “gewaltfrei – friedlich – demokratisch” eingeladen. Ich war berührt, mit welchem Engagement und mit wie viel Liebe dieses Fest gestaltet wurde. Alles stimmte: die Technik, die Musik, das Buffet, die Redebeiträge. Das stimmt hoffnungsvoll.

Dennoch bin ich auch mit einem weinenden Auge wieder weggefahren. Ich hatte das Gefühl, es hätten noch mehr Oberwarthaerinnen und Oberwarthaer der Einladung folgen können, am Friedensplatz zu feiern und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Ich bin von mir aus gesehen an das andere Ende Dresdens gefahren, weil mir sehr einleuchtet, was ein Stadtrat am 29. Oktober in der aktuellen Stunde zur sogenannten “Hochlandjugend” sagte: Die Stadt solle die Ortschaften nicht vernachlässigen, die Ortschaften wiederum sollten sich zur Stadt hin öffnen. Zusammen sind wir stark.

In diesem Sinne danke ich den Organisatorinnen und Organisatoren und wünsche ihnen sehr, dass sich in ihrem Ort, in dem sie so gern leben, etwas zum Guten wendet.

Astrid


In Oberwartha haben mehr als 20 erwachsene Männer Jagd auf 10 Kinder und Jugendliche gemacht, sie mit Glasflaschen beworfen, verprügelt und noch getreten, als sie schon am Boden lagen!

Die erwachsenen Männer hatten mutmaßlich eine rechte Gesinnung, die Kinder und Jugendliches waren angeblich als “Links” zu erkennen.

Der zweite Satz darf meiner Meinung nach keine Erklärung, geschweige denn Rechtfertigung für den ersten Satz sein: Wie können erwachsene, ganz normale Männer überhaupt so etwas tun? Diese Frage lässt mich nicht los.

Acht der Männer wurden identifiziert und angeklagt. Was machen die anderen, freuen sie sich, dass sie nicht erwischt wurden?

Oberwartha hat nicht mal 500 Einwohner, jeder kennt jeden. Einige der Männer sind in Vereinen, einer ist sogar im Ortschaftsrat aktiv. Setzt man sich im Ort mit den Männern auseinander? Offenbar wird überwiegend geschwiegen, einzelne werden in Schutz genommen. Vereine und Ortschaftsrat äußern Bedauern, ziehen aber (bis jetzt) keine Konsequenzen.

Die Veranstaltung am 01. November war sehr gut.

Aber es muss gelingen, dass die Mehrheit im Ort und in der Gesellschaft sich klar gegen solches Verhalten stellt. Sonst werden die Leute mit der rechten Gesinnung sich ermutigt fühlen. Und alle anderen werden in zunehmender Angst leben.

Meine eine Hoffnung ist, dass die Täter zur Verantwortung gezogen werden. Meine andere Hoffnung ist, dass solches Verhalten von den allermeisten Menschen in Oberwartha wie in der Gesellschaft nicht akzeptiert wird.

Helga


Insgesamt war die Stimmung – trotz allem Entsetzen über das Geschehene – hoffnungsvoll. Dass man es schaffen kann, die Gemeinde wieder mehr zusammenzubringen und der Spaltung etwas entgegensetzen zu können. Schön war es auch für die Veranstaltenden, dass sich doch einige Menschen aus der Umgebung auf den Weg nach Oberwartha gemacht hatten.

Am 28. November wird es einen Weihnachtsmarkt mit anschließendem Feuerwehrfest geben. Es wäre schön, wenn sich wieder verschiedene Menschen einfinden könnten, um diese Veranstaltung zu bereichern.

Susanne